VRT – TMP Rede zur Vernissage

— museumpf on November 18, 2009 at 19:03

Rede
anlässlich der Vernissage von Alex Meszmer und Reto Müller
im Kunstraum Kreuzlingen
gehalten von Dominik Riedo, Kulturminister der Schweiz,
am 16. Januar 2009.

«Und auch an den Historikern haben wir unersetzliche Verluste erlitten, weil die Kontinuität der geistigen Erinnerungen auf grosse, wichtige Strecken fragmentarisch geworden ist. Diese Kontinuität ist aber ein wesentliches Interesse unseres Menschendaseins und ein metaphysischer Beweis für die Bedeutung seiner Dauer; denn ob Zusammenhang des Geistigen auch ohne unser Wissen davon vorhanden wäre, in einem Organ, das wir nicht kennen, das wissen wir nicht und können uns jedenfalls keine Vorstellung davon machen, müssen also dringend wünschen, dass das Bewusstsein jenes Zusammenhanges in uns lebe.»

Jacob Burckhardt, meine Damen und Herren – Sie finden ihn auf noch jeder Tausendernote des Schweizer Frankens abgebildet, mithin an der ranghöchsten Stelle dieser von so vielen als höchstes der Gefühle ohne Mass angebeteten Masseinheit –, Jacob Burckhardt also scheint mit der zitierten Stelle aus den so genannten «Weltgeschichtlichen Betrachtungen» direkt das Motto – nein: nicht nur das, sondern gar den Hauptpunkt dieses Abends und dieser Vernissage vorformuliert zu haben.
Die Kontinuität der geistigen Erinnerung an die eigene Geschichte sei demnach zunehmend fragmentarisch geworden, sagt der Historiker. Zwangsläufig, könnte man zunächst anfügen, denn mindestens seit dem Barock haben wir es bekanntlich aufgegeben daran zu glauben, dass ein einzelner Mensch noch alles wissen könne, was an nützlichem Wissen auf der Welt gesamthaft vorhanden ist. Und ebenso zwangsläufig wird zukünftig die Geschichte, die dann – logisch rechnend – immer grösser werden wird, als wachsender Berg der Vergangenheit quasi, als immer gehäuftere Ansammlung von Zeitepochen, die Geschichte wird dementsprechend noch fragmentarischer werden, nicht nur geistig, sondern auch als Objekte in Museen, die nicht auf ewig konservierbar sind (vor allem bei den neueren Daten, wie wir inzwischen wissen), wird noch fragmentarischer werden in der Zeit, die vor uns liegt, in dieser unbekannten Grösse, die doch von den jeweils Heutigen eigentlich nur ein ganz klein wenig erfasst werden kann, durch die Kenntnis und Analyse nämlich der bereits vergangenen Geschichte und ihren teilweise möglichen analogen Rück- bzw. Vorschlüssen von Ursache-Wirkungs-Ketten, die uns dann zum Beispiel lehren können, dass bisher noch jeder Mensch gestorben ist – um etwas Essentielles zu nehmen –, und wir demzufolge mit grösster Wahrscheinlichkeit auch alle irgendwann sterben werden.
Aber Burckhardt, meine Damen und Herren – und das haben Sie sicher sofort mitbekommen –, Jacob Burckhardt meint es bei und mit seiner Aussage an jener Stelle auch gar nicht so, wie ich es gegen Ende des letzten Abschnitts umgedeutet habe. Er meint gar nicht, dass wir Angst haben müssten davor, dass nun jeder einzelne Fetzen Geschichte irgendeinmal sein Leben ausgehaucht haben wird, nur noch Staub sein wird in irgendeinem Museum. Sondern Burckhardt beklagt vor allem die Verluste der grossen Geschichtskundigen von früher, deren Schriften, in denen jene eben auch die Zusammenhänge aufgezeigt haben und damit ein Bewusstsein von Geschichte vermittelt hätten, das uns heute in grossen Stücken aus eben dieser Geschichte abgehe.
Denn Burckhardt ist sich sehr wohl bewusst, dass man aus einer einzigen Epoche der Geschichte nie mehr alles wissen kann, nicht einmal mehr alles – einmal mehr meist nur so genannt – Wichtige. Aber was er bedauert, wenn es nicht mehr vorhanden ist, und dementsprechend für jede Zeitepoche neu fordert, ist ein Verständnis von Geschichte, ein geistiges Herstellen von Zusammenhängen, die – und das wäre nun der Idealfall – jeder Mensch für sich ganz allein herstellen kann.
Und dieses Bewusstsein von Geschichte in jedem Einzelnen: Es ist nicht zu haben, indem man alles schön säuberlich in einem Museum aufstapelt, was einmal Geschichte war oder einmal Geschichte sein wird. Denn handelte man so ad infinitum, irgendwann wüsste nicht einmal mehr der treueste Museumsangestellte, was denn all das Angesammelte meinen soll. Der Mensch der Zukunft stünde in einem vollbepackten Museum und verstünde nicht, worin sich dieser Raum von einem simplen Warenlager mit den ewig gleichen Sachen denn unterscheide. Und von da wäre es nur ein unbedeutender Schritt weiter in die zukünftige Welt der «Time Machine» H. G. Wells‘, wo die Menschen nichts wissen von der Vergangenheit und sich keine Gedanken machen wollen über die Zukunft.
Denn das reine Sammeln als Gegenkraft und damit – sie sehen das an der Sammelwut vieler Menschen, die irgendetwas sammeln, meist ohne Nutzen und schon gar nicht in einem grösseren Sinnzusammenhang – das reine Sammeln als Gegenkraft und damit auch Gegenpol zum «Horror nihili», dem nackten Schauder vor dem Nichts, der uns alle beizeiten überfällt und so oft zu gänzlich verschiedenen Handlungen treibt (dazu ein ander Mal gerne mehr), dieses reine Sammeln ohne das Herstellen von Sinnzusammenhängen: Es nutzt ja entschieden – nichts.
 
Und genau hier brechen sich Alex Meszmer und Reto Müller die Bahn, weil sie – auch wenn die meisten offiziellen Museen inzwischen ein ganz klein bisschen begriffen haben, dass sie Geschichte eben auch zu den Menschen bringen müssen – Meszmer und Müller brechen sich hier eine vergangenheitsorientierte und damit wie gesehen zugleich zukunftsweisende Bahn, weil sie mit ihrem Projekt des «transitorischen Museums» pars pro toto für einen überall und umfassend stattzufindenden Wechsel im Umgang mit Geschichte plädieren.
Indem sie für ein nurmehr sich stetig im Wechsel befindliches Museum einstehen, worin eben alles Geschichte sein kann, vom Alten bis hin zum Modernen, vom als bedeutend empfundenen Ereignis bin hin zum kleinsten Teilchen und sogar dem Besucher des Museums, und dies nicht nur alles sammeln, archivieren und ausstellen (auch den Besucher, in Form von Besucherzahlen und Fotos etwa) – sondern indem sie eben auch die Verknüpfung oder, wie es bei Burckhardt heisst: das Bewusstsein von Zusammenhängen bei den Menschen fördern, indem sie dies alles tun, lassen sie Geschichte wieder entstehen, machen bewusst, dass Geschichte immer entsteht – auch jetzt, hier, in diesem Raum, bei dieser Vernissage, von welcher höchstwahrscheinlich der Einladungsflyer archiviert werden wird, die einzelnen Objekte, Zeitungsartikel und auch diese Laudatio, zudem Erinnerungen daran, vielleicht in Tagebüchern oder nur im Kopf der einzelnen Besucher – dass Geschichte eben immer entsteht und entstehen wird.
Oder wie es bei Meszmer/Müller auf der Website steht (Zitat: Matthias Kuhn): «Der ‹Zeitgarten› ist eine Kommunikations- und Sammelstelle für die Geschichte und die Geschichten Pfyns. Das heisst natürlich, dass es in diesem Projekt zuallererst um Menschen und ihre Erinnerungen geht, denn Geschichte lebt nur mit den Menschen, die sie erleben. Geschichte lebt in erzählten Geschichten, Geschichten wiederum konstituieren Geschichte, wann immer erzählt und zugehört wird. Dieses Verständnis von Geschichtsschreibung und eigentlich von Welt überhaupt, ist die Grundlage des künstlerischen Archivs von Meszmer/Müller …» (Und nur als Einschub an dieser Stelle: Bezeichnenderweise ist es anscheinend «Kunst», was hier gemacht wird, wobei es sich doch so fassbar auch um Geschichte handelt; aber so ist es immer: Man klebt das Etikett «Kunst» drauf und vorbei ist es mit der womöglich – horribile dictu – ernsten Wahrnehmung, es ist ja «nur Kunst»!)
 
Und Sie sehen, meine Damen und Herren, die praktische Nutzanwendung hier und heute: Die einzelnen Objekte in diesem Raum sind laut dieser Idee nicht einfach nur ausgestellt, sondern man könnte über sie – durch einen ihnen zugeordneten «Tag», eigentlich einem Code, der für genau ein bestimmtes Objekt verschlüsselt und ihm zugewiesen wurde, den man dann mit einem internetfähigem Mobiletelefon fotografiert verschickt – man könnte über sie gezielt die verschiedensten Materialien sich herunterladen: Infos, Hintergrundinfos und Geschichten.
Es ist damit der real erlebbare Einstieg in ein Beziehungsgeflecht von Geschichten, Personen, Ereignissen, Gebäuden, Sagen usw. Und damit zeigen Meszmer/Müller handgreiflich, ohrenfüllend, augenscheinlich – gerade auch laut Burckhardt –, wie Geschichte (ein eigentlich ja nur sehr abstrakter Begriff) funktionieren könnte, wie das Bewusstsein von Geschichte immer neu geschaffen werden könnte: Es beginnt nämlich bei kleinen Dingen – meist besitzen wir aus einer Zeitepoche schlicht gar nicht mehr –, durch die wir uns aber Geschichte und das ganze Drumherum des menschlichen Lebens und Seins erdenken können, uns ein Bild schaffen können von Geschichte, ein Blick also für das grosse Ganze, der oft genug nur vom Kleinen her gefunden werden kann, nur an ihm zu lernen ist.
 
Womit wir wieder beim grossen Jacob Burckhardt sind, über den der ebenfalls grosse Wolf von Niebelschütz in einem grossartigen Vortrag über den Historiker gesagt hat: «Er glaubte nur sehr bedingt an die Wichtigkeit von Jahreszahlen, Schlachtennamen, Wahlergebnissen und Prinzengeburten, sie waren ihm Steine im Mosaik wie andere Steine auch; ein barocker Balkon, der mit Pauken hervorfährt, konnte ihm ein genauso wichtiger Fingerzeig und Ausdruck tieferer Zusammenhänge sein wie der Tod Ludwigs XV. oder eine Parlamentsrede Cannings.»
Womit wir uns doch wünschen mögen, dass dieses Bewusstsein der Zusammenhänge aller Dinge, auch wenn längst nicht mehr alle hier und jetzt vorhanden sind, dass dieses Bewusstsein des Zusammenhangs in uns geweckt werde, in uns lebe und weiterlebe, bis wieder einer sagen wollen wird: Und auch an den Historikern haben wir unersetzliche Verluste erlitten, weil die Kontinuität der geistigen Erinnerung… usw. usf.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
© 2009 bei Dominik Riedo. Alle Rechte vorbehalten

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Transitorisches Museum zu Pfyn