Reden zum Gründungsakt

— museumpf on Januar 7, 2009 at 23:25

Rede von Frau Gemeindeammann Jacqueline Müller:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Als Frau Gemeindeammann darf ich Sie im Namen der Gemeinde Pfyn ganz herzlich zum Gründungsakt des Transitorischen Museums zu Pfyn begrüssen. Es erfüllt uns mit grosser Freude und natürlich auch mit Stolz, dass das Pfyner Kulturleben mit diesem Werk einen weiteren Meilenstein in der Aufarbeitung unserer äusserst interessanten Kulturgeschichte erreicht.

Dass Pfyn sich mit seiner fast 6’000 Jahre alten Geschichte durchaus sehen lassen darf, hat auch das Schweizer Fernsehen entdeckt und diesen Sommer mit dem Living Science Projekt die Pfahlbauer von Pfyn zu neuem Leben erweckt.
Und genau das ist der Punkt: Es liegt in der Natur des Menschen, sich nach seiner eigenen Herkunft zu fragen, seinen Ursprung zu finden und sich schliesslich auch mit etwas zu identifizieren.

Ein Zitat von Goethe lautet: Der Mensch ist dem Menschen das Interessanteste.

Das heisst nichts anderes, als dass uns in jeder Epoche immer in erster Linie der Mensch interessiert, wie und wovon hat er gelebt, was war sein Antrieb, sein Lebensinhalt, was hat er für Kleider getragen usw.

Was für Gedanken haben Sie beim Begriff Museum? – Bei mir sind dies: grosse Glaskästen mit stummen Gegenständen, Stille, Ehrfurcht, aber auch Leblosigkeit. Das heisst, ein Museum ist eigentlich ein Widerspruch zum menschlichen Bedürfnis, Kultur zu erleben.

Bisher stand in der Geschichte immer die Chronologie an erster Stelle. Als Alex Meszmer und Reto Müller die Gemeinde um einen Kulturbeitrag angefragt haben, wurde von Gemeinde Seite der Wunsch nach einer Dorfchronik geäussert. Diesem Wunsch sind die Beiden auf ihre Weise nachgekommen, sie haben nämlich einen Teil der Pfyner Geschichte mit den Menschen erarbeitet, die sie selber erlebt haben. Sie sorgen dafür, dass auch die kleinen Geschichten nicht verstummen.

Mit dem Transitorischen Museum wollen unsere beiden Künstler ein lebendiges Museum zeigen. Ein Museum in dem Geschichte gepaart mit Kunst auf eine ganz spezielle Weise erlebbar gemacht wird.  Ein Museum in dem die Menschen im Vordergrund stehen, die ihr Wissen mitteilen, die Geschichten zur Geschichte erzählen und ihr Können zeigen. Ein Museum, das lebt, bewegt und sich verändert und das verschiedene Projekte enthält. So zum Beispiel die Video- und Audiosammelstelle zeitgarten.ch oder der historische Stationenweg und im ganz Speziellen natürlich diese Eröffnungsveranstaltung über das ganze Wochenende mit vielen kulturellen Köstlichkeiten.

Nach dem Pfahlbauerprojekt bin ich immer wieder gefragt worden, wie sich Pfyn weiterhin einen Namen machen will. Ich antwortete jeweils, indem wir unsere vielfältige Kulturgeschichte erlebbar machen. Pfyn möchte sich einen Namen als Kulturplatz schaffen. Ich danke Alex Meszmer und Reto Müller und allen Mitwirkenden, dass sie uns mit dieser Veranstaltung dem hohen Ziel ein grosses Stück näher bringen.

Ich freue mich auf diese Tage und darf das Wort Frau Nationalrätin Brigitte Häberli übergeben.

Rede von Frau Nationalrätin Brigitte Häberli:

Sehr geehrte Damen und Herren

Ich freue mich, dass ich heute schon wieder hier in Pfyn sein darf und diese Grussworte an Sie richten kann.

Am 1. August 2007, mitten in der Pfahlbauerzeit durfte ich als Festrednerin am Nationalfeiertag die Freude, das Interesse und das Engagement der Behörden und der Bevölkerung von Pfyn für die Geschichte ihrer Gemeinde erfahren. Dies hat mich sehr beeindruckt und gefreut. Auf dem kurzen Rundgang durch Pfyn habe ich den Stationenweg kennen gelernt und war begeistert von dieser bestechenden Form der Verbindung der Geschichte in die Gegenwart.

Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen.

Dies ist ein Satz, der immer noch Gültigkeit.

Es ist wichtig, dass wir unsere Vergangenheit kennen und es ist nötig, mehr darüber zu wissen, gerade deshalb, weil wir so die Gegenwart besser verstehen und die Zukunft besser gestalten können.

Die Geschichte und Geschichten lebendig werden lassen. Dies ist eines der Ziele des transitorischen Museums.

Die Idee, in der Alterssiedlung eine Geschichtsstation einzurichten, begeistert mich. Ich erinnere mich gut an meine Kindheit, als wir Kinder mit grosser Aufmerksamkeit und Spannung die Erzählungen der Grossmutter und des Grossvaters aus ihrer Kindheit genossen haben. Wie haben wir gestaunt, gelacht und sehr viel gefragt. Wie haben uns jeweils die Betrachtungen der alten Fotos fasziniert.

Die Erzählungen und Geschichten weiter zu geben war schon immer die Aufgabe der erfahrenen und älteren Generation, dies auch verbunden mit der Hoffnung, dass die jüngeren Menschen ihre Lehren daraus ziehen. Dass dies nicht immer gelingt, wissen wir wohl alle aus eigener Erfahrung.

Ich hoffe, dass die Geschichtsstation rege genutzt wird und viel Freude bereitet.

Das Transitorische Museum soll nicht einfach ein Museum für die Bevölkerung sein, sondern die Bevölkerung soll ihr Museum machen, diese Feststellung ist zentral und, so bin ich überzeugt, auch der Schlüssel Erfolg dieses Museums der besonderen Art.

Auch in den eidgenössischen Räten werden wir uns mit nächster Zeit vermehrt mit Kulturpolitik befassen. Der Bundesrat hat die Botschaft zum Bundesgesetz über die Kulturförderung KFG und die Botschaft zum Bundesgesetz über die Stiftung Pro Helvetia am 8. Juni zuhanden des Parlamentes verabschiedet. Diese beiden Geschäfte werden in den nächsten Monaten von der zuständigen Kommission Wissenschaft, Bildung und Kultur zu beraten sein. Ich bin seit 2003 Mitglied dieser Kommission und Delegationsleiterin der CVP und werde also direkt diese beiden Gesetze mit der WBK vorberaten und dem Nationalrat einen Vorschlag unterbreiten.

Der Vorschlag des Bundesrates sieht neben anderen Punkten vor, dem Subsidiaritätsprinzip Rechnung zu tragen. Die Vorlage grenzt die Zuständigkeit des Bundes gegenüber den primär für Kulturförderung zuständigen Kantonen ab und regelt die Zusammenarbeit mit Kantonen, Städten und Gemeinden sowie Privaten. Materiell führt die vertikale Abgrenzung zu einem Verzicht auf die Weiterführung der direkten Werkförderung durch den Bund. Das Fördern des Kunstschaffens fällt aufgrund seiner lokalen respektive regionalen Verankerung in den Zuständigkeitsbereich der Kantone, Städte und Gemeinden. Die so eingesparten Finanzmittel sollen künftig gezielt für die Kulturvermittlung sowie für Auszeichnungen verwendet werden.

Weiter legt das Gesetz die Instrumente zur Steuerung der Kulturpolitik fest: eine Botschaft zur Finanzierung der Kulturförderung des Bundes bestimmt so für mehrere Jahre die Schwerpunkte der Förderung in sämtlichen Bereichen, also auch in den spezialgesetzlichen Kulturbereichen wie Film oder Heimatschutz und Denkmalpflege. Die Möglichkeit, Förderungskonzepte für einzelne Kulturbereiche zu erlassen, eine Kulturstatistik sowie die Pflicht zu periodischen Evaluationen sind weitere Punkte des Gesetzes.

Diese Vorlage wird mit Sicherheit noch viel zu reden geben. Für mich ist zentral, dass Kulturpolitik die Menschen erreicht und sie anspricht. Dafür ist das Tansitorische Museum zu Pfyn ein perfektes Beispiel, welches hoffentlich Schule macht.

Ich bin davon überzeugt und wünsche allen Akteuren viel Erfolg und Freude mit diesem Projekt.

Bichelsee, 5. Oktober 2007
Rede von Frau Dorothee Messmer, Präsidentin VMS AMS und Kuratorin am Kunstmuseum des Kantons Thurgau:
Die Künstler Alex Meszmer und Reto Müller eröffnen heute Abend ein Museum. Und Ich wurde gebeten, die Laudatio zu halten. So steht es auch auf der Einladungskarte. Eine Laudatio wird gewöhnlich aber für ein künstlerisches Werk gehalten, nicht aber für die Eröffnung eines Museums – Wäre es da nicht naheliegender, ein Band zu zerschneiden? Sie sehen, ich weiss nicht recht, in welcher Funktion ich hier sprechen soll: Sollte ich als Präsidentin des Verbandes der Museen der Schweiz das neugegründete Museum küren, oder als Kuratorin im Kunstmuseum Thurgau über die künstlerische Arbeit, die hinter dieser Gründung verborgen liegt, sprechen? Sie stecken damit mit mir schon mitten in der (scheinbar) paradoxen Situation, die die beiden mit dieser Gründung evozieren, ein Kunstwerk als Museum, oder ein Museum als Kunstwerk.
Aber eines nach dem anderen: Zuerst einmal feiern wir heute Abend die Gründung des Transitorischen Museums zu Pfyn. Pfyn darf sich damit zu den Gemeinden zählen, die ein eigenes Museum haben, was an sich schon etwas sehr Erfreuliches ist. Es ist nach meiner aktuellen Hochrechnung das 956ste Museum in der Schweiz.
Nach den Richtlinien des Internationalen Museumsrats ICOM (1986) definiert sich ein Museum als „eine gemeinnützige, ständige, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im Dienst der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zu Studien-, Bildungs- und Unterhaltungszwecken materielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt“. Museen dienen einem gemeinnützige Zweck und funktionieren nicht kommerziell. Im Zentrum der musealen Aufgaben stehen die drei Hauptbereiche Sammeln, Forschen und Ausstellen, die aus einer rund zweihundertjährigen historischen Tradition erwachsen sind. Der Begriff „Museum“ geht zurück auf das Wort „Museion“, das in der Antike eine den Musen geweihte Stätte bezeichnete. Vorläufer heutiger Museumssammlungen sind die Kunst- und Wunderkammern der Spätrenaissance und die fürstlichen Sammlungen des Barock, in denen Objekte unterschiedlichster Herkunft und Zweckbestimmung gemeinsam präsentiert wurden. Als „theatrum mundi“ sollten die Gegenstände – Kunstwerke, Antiquitäten, Bücher, Naturalien, technische Geräte sowie auch Kuriositäten und Raritäten – den universalen Zusammenhang der Welt darstellen. Im weiteren Verlauf der Museumsgeschichte entstand eine Vielfalt auf unterschiedliche Gattungen spezialisierte Museen, vom Automuseum bis zum Zoo.
Im Falle des Transitorischen Museums wurden die ausgestellten Daten und Objekte von Einwohnerinnen und Einwohnern gehortet. Sie trafen eine Auswahl, indem sie bestimmte Dinge als genügend bedeutend erachteten und brachten diese ins Museum. Die beiden Künstler haben sie entgegengenommen und archiviert. Unter dem Label „zeitgarten.ch“ richteten sie einen Raum ein, der Archiv und Museum, Forschungsstelle und Begegnungszentrum, Sammlungsdepot und Café gleichzeitig ist. So entstand ein Museum das wohl am ehesten in die Kategorie der Heimatmuseen einzugliedern ist. Diese beschäftigen sich traditionellerweise mit dem Begriff der Heimat und erforschen die Geschichte und die kulturelle Identität einer bestimmten Örtlichkeit oder Landschaft anhand von ausgewählten Objekten.
Was aber ist Heimat? – Heimat kann man nicht definieren, nur umschreiben. Heimat kann der Geburtsort, die Stadt, in der man lebt, das Land, in dem man geboren ist, ein Gefühl oder ein Sehnsuchtsort sein. Ein Gefühl von Heimat geben aber auch Menschen, Eltern, Freunde, Nachbarn. Heimat verbindet, grenzt aber auch aus. Oft fühlt man „Heimat“ erst dann, wenn man weggegangen ist, weggehen musste. Das Wort „Heimat“ ist typisch deutsch, es lässt sich nicht ohne weiteres in andere Sprachen übersetzen.
Der Begriff, oder präziser formuliert, das Gefühl für Heimat ist denn auch das ausschlaggebende Moment der beiden Künstler gewesen, ein Museum zu gründen. Reto Müller wohnt seit vielen Jahren schon in Pfyn und scheint mir geradezu in seine neue Heimat verliebt zu sein. Er hat sich hier nieder gelassen, sich mit seinen Tieren und seinem Garten längerfristig hier eingerichtet. Alex Meszmer stammt aus Deutschland, und auch er scheint in diesem Flecken Erde, dass sich ad Fines, am Ende der Welt, befindet, seine neue Heimat gefunden zu haben.
Die Künstler spiegeln in diesem Projekt ihre eigene Befindlichkeit. Sie wollten mehr wissen über diesen Ort, in dem sie zuhause sind. Dies führte zu einer Recherche, die sie nicht alleine führen konnten und wollten. Denn Heimat ist letztlich mit sozialen Kontakten verbunden.
Das deutsche Wort Heimat verweist auf eine Beziehung zwischen Menschen und Raum, Raum und Menschen. Heimat kann eine Gegend oder Landschaft meinen, aber auch sich auf Dorf, Stadt, Land, Nation oder Vaterland beziehen. Heimat bezeichnet somit keinen konkreten Ort (Heimstätte), sondern Identifikation. Es ist die Gesamtheit der Lebensumstände, in denen ein Mensch aufwächst. Auf sie wird seine Psyche geprägt, ihnen „ist er gewachsen“. Er entspringt seiner Kultur, sie prägt seine kulturelle Identität.
Das Museum, das die beiden eingerichtet haben, wird Teil dieser Prägung, in ihm erfährt der Besucher, die Besucherin mehr über seinen, ihren Ort, darüber hinaus wird im Transitorischen Museum aber auch Kaffee getrunken, Erfahrungen ausgetauscht, Geschichten erzählt, und diskutiert.
Was aber hat Kunst in diesem Umfeld zu tun? Weshalb definiere ich diesen von Alex Meszmer und Reto Müller initiierten Prozess als Kunst? Und wo bleibt denn, bitteschön, das Kunstwerk? Dürfen die das?
Diese Frage, die übrigens ein bekanntes Buch zum Thema betitelte, thematisiert eine künstlerische Strategie, die seit einigen Jahren beobachtbar ist und die gemeinschaftsorientierte öffentliche Kunstprojekte ins Zentrum stellt.
Sie haben wesentlich zur Veränderung und zur Ausweitung dessen beigetragen, was heute als „künstlerische Praxis“ verstanden wird. Immer mehr Künstlerinnen und Künstler setzen mit ihrer Arbeit direkt an der Realität an, ausserhalb des traditionellen Kunstbegriffs. Meist nehmen sie dabei nicht mehr den Umweg über die Kunst, sondern verlassen deren repräsentativen Rahmen. Sie gehen im wahrsten Sinne des Wortes “auf die Strasse und beziehen das Publikum oder bestimmte gesellschaftliche Gruppen aktiv in ihre Arbeit mit ein. Dabei rücken sie nicht das „Ergebnis“ sondern den Prozess selbst in den Mittelpunkt der künstlerischen Aktion. Das Zusammentragen der Objekte, die Geschichten über den Ort, das Zusammensitzen im „zeitgarten.ch“, bei Kaffee und Kuchen, das Dokumentieren von Objekten, deren Bedeutung aus ihrer Geschichte erwächst, das Zusammenstellen eines Stationenweges, der an bestimmten Orten die Geschichte  Pfyns erzählt, all das gehört zu diesem Prozess, der uns Mitbeteiligte diesen Ort eben als Heimat, als kulturell geprägtes Ganzes empfinden lässt.
Die beiden Künstler wechseln in diesem Prozess ihre angestammte Rolle. Sie werden zu Forschern und Sammlern, und zu Museumskuratoren.  “God Is A Curator”, lautete vor ein paar Jahren der Titel eines Vortrages des Münchner Künstlers, Musikers, Kritikers und Kurators Justin Hoffmann. Man sollte vielleicht noch ergänzend hinzufügen, dass Gott selbst natürlich auch kein Kurator ist, sondern dafür seine Stellvertreter auf Erden hat. So ist nämlich der Kurator im Kirchenrecht ein bestellter Vormund oder Pfleger, der im kirchlichen Prozess für den Geisteskranken und Geistesschwachen handelt. Der Kuratus bezeichnet in der Kirchenrechtssprache den Seelsorger eines zum Verband einer Pfarrei gehörigen Gebietes. Er ist eine Art Hilfspriester, der seine Tätigkeit in Unterordnung unter den Pfarrer ausübt, zuweilen aber auch davon unabhängig ist. Gerade, wenn man einmal beobachtet hat, wie beliebt Sonntag vormittägliche Vernissagen zur Gottesdienstzeit sind, könnte man einige Parallelen in der Geschichte dieses Konzeptes erkennen.
Künstler haben längst erkannt, wie wichtig das kuratorische Handeln für das Kunstsystem ist. Dies hat dazu geführt, dass viele Kunstschaffende diese Funktion selbst übernehmen, indem sie ihre eigenen Projekte lancieren, selbst Ausstellungen kuratieren und oft ganze Festivals organisieren. Ein Prozess, der auch vor den Museen nicht halt macht. Ein Beispiel hierfür ist das Alpsteinmuseum von Hans Ruedi Fricker, oder das Musée Imaginaire von Franz Huemer.
Für angestammte Museumsfachleute ist diese Haltung der Künstler natürlich auch eine Bedrohung. Es würden, lautet die Kritik, „die historisch gewachsenen Grundprinzipien eines Museums“ aufgegeben“, wenn der Künstler selbst die Ausstellung macht. „An die Stelle der wissenschaftlichen Argumentation trete die künstlerische Inspiration, wurde argumentiert.
Selbstverständlich wage ich nicht zu bezweifeln, dass jeder Museums-Schau eine fundierte wissenschaftliche Analyse zugrunde liegt. Doch was ist einzuwenden gegen künstlerische Inspiration? Wurden nicht früher die Sammlungen von Königen und Fürsten häufig von Künstlern zusammengestellt? Wem schadet es, wenn für einmal Künstler ein Museum einrichten, das die Geschichte einer Kleinststadt ins Zentrum stellt? „Zur Wissenschaft gehört seit je das Experiment“, kann man gegen argumentieren. Gerade die subjektive Perspektive von außen kann „zum Blick über das starre Korsett Geschichtswissenschaft  hinaus verhelfen“.
Mit ihrem Transitorischen Museum, das den gesellschaftlichen Prozess ins Zentrum stellt, stellen Alex Meszmer und Reto Müller aber auch die Frage nach dem künstlerischen Genius zur Diskussion. Sie stehen damit in einer Reihe mit Künstlern und Künstlerinnen der neunziger Jahre, die in Künstlergruppen und Kollektiven arbeiten oder Nicht-Künstler bzw. Teile der Öffentlichkeit in ihre Projekte mit einbeziehen. Die Infragestellung der Rolle des Künstlers/der Künstlerin führt zu einer grundlegenden Veränderung der Rahmenbedingungen der Kunst. Wenn früher klar war, was ein Künstler war und welches die handwerklichen Rahmenbedingungen, so wird diese Klarheit heute aufgegeben und es stellt sich die Frage: Wo entsteht das Kunstwerk eigentlich?
So bringt etwa die Frage, was denn nun an diesem Projekt Kunst sei, Betrachterinnen und Betrachter zum Nachdenken über das Wesen und die Koordinaten von zeitgenössischer Kunst überhaupt. Die Einbindung eines Projektes mit sozial motiviertem Hintergrund in den Bereich der Kunst ist in hohem Masse systemkritisch, weil damit verbunden auch Fragen nach gesellschaftlichen und politischen Wertehaltungen im Kunstsystem selbst gestellt werden. Solche Arbeiten kann man eben nicht über den Kamin hängen.
Das traditionelle Kunstwerk steht heute aber immer noch im Zentrum jeder Betrachtung, denn „die Kunst hat es zwar bisher zugelassen, dass an die Stelle des Bildes reale Gegenstände treten, sie weigert sich aber, realen Handlungen den Status der Kunst zu verleihen.“ stellte der Künstler und Kurator Peter Weibel vom ZKM in Karlsruhe fest. Dabei folgt heute auf die Entrahmung des Bildes bereits die Entrepräsentation der Kunst, die den Fokus vom eigentlichen Kunstwerk auf den kommunikativen Austausch verlagert.
Die vollständige Realisierbarkeit der Bestrebungen von Alex Meszmer und Reto Müller ist am Ende nicht ausschlaggebend für den Erfolg des Projekts. Entscheidend sind vielmehr die positiven Auswirkungen auf die Gesellschaft, mit der die Künstler zusammen arbeiten, und die Hinterfragung des Kunstbegriffes. Hier liegt die Qualität dieses Projekts. Der Erfolg ihrer Tätigkeit beruht aber auf der offenen und neugierigen Haltung, mit der die beiden Künstler auf ihre Umwelt einwirken. Mit viel Mut und gelebter Selbstverständlichkeit schaffen sie eine Situation, von der letztlich alle am Projekt Beteiligten profitieren – auch das Kunstsystem.

1 Kommentar »

  1. gute Sache und schön aufgebaute Information pravo…..

    Comment by M. Zurbuchen — 24. Juni 2012 @ 21:22

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Transitorisches Museum zu Pfyn